Michael Schmidt – Die Fotokamera in der biotechnischen Welt
Michael Schmidt ist wohl der gefragteste deutsche Fotograf. Sein Kameraobjektiv nimmt unseren Alltag auf eine Weise auf, dass nicht klar ist, ob die von Schmidt verwendete Ästhetik verfremdet, oder unser Alltag durch eine subtile Fremdheit gekennzeichnet ist, die im hektischen Ganzen meist untergeht und nur in der Ruhe eines Fotos bemerkbar ist.
Ein Beispiel ist die Lebensmittelindustrie. Die Nahrungsmittelversorgung ist ein Kriterium für den Reichtum eines Landes. In den kapitalistischen Industrienationen werden aus diesem Grund Nahrungsmittel im Überfluss hergestellt. Ein Großteil wird nicht gegessen, ein anderer Teil in ärmere Staaten exportiert. Die Lebensmittelindustrie ist so prägend für unsere moderne Lebensweise, wie ihre Produktion unsichtbar ist. Bauernhöfe und das urbane Leben schließen sich aus. Aufgrund des mangelnden Kontaktes ist vielen wohl nicht bekannt, dass Bauernhöfe keine Horte der Natürlichkeit sind. Sie sind längst biomechanische Produktionsstätten geworden, stählerne Industrieanlage, in denen bisweilen Gentechnologie zum Einsatz kommt. Eine solche Beschreibung erinnert mehr an die futuristischen, verstörenden Welten und Motive des Alien-Erschaffers Hansruedi Giger. Doch eigentlich sind moderne Bauernhöfe die Symbole unserer Gesellschaft, viel mehr als die Wolkenkratzer unserer Metropolen. Und bezeichnend für unsere Kultur ist, dass ihre schockierenden Pfeiler im Normalfall unsichtbar sind – anders als die Wolkenkratzer.
Michael Schmidt zeigt diese Widersprüchlichkeiten in seinen Bildern auf. In Zeiten in denen unser Blick auf Nahrungsmittel hauptsächlich durch die Bilder der Werbeindustrie geprägt ist, in denen sie gekonnt ausgeleuchtet und appetitlich präsentiert werden, wirken Schmidts Schwarzweiß-Fotografien seltsam verstörend. Im Normalfall stellen wir uns nur Gammelfleisch als graue Masse vor. Vermutlich würde es die meisten kaum verwundern, wenn die Lebensmittelindustrie Farbzusätze verwenden würde. Interessant ist, dass ein künstliches Auge notwendig ist, um die Künstlichkeit unserer Welt heutzutage darzustellen.
Die aktuelle Ausstellung fing gestern an und läuft noch bis zum 13. Mai im Musem Morsbroich in Leverkusen.